Herr Y. – ein geborener Goldschmied
Die Geschichte von Herrn Y. belegt erneut die Bedeutung von Projekten, in denen engagierte Mitarbeiter, Geflüchtete bei der Arbeitssuche unterstützen.
Herr Y. stammt aus Afghanistan, wo er in eine Goldschmiedefamilie geboren wurde. Die familieneigene Werkstatt war für ihn ein Spielplatz und bereits im Alter von 10 Jahren unterstützte Herr Y. seinen Vater bei der Arbeit. Das war der Beginn seiner Leidenschaft für den Beruf des Goldschmiedes.
Nach sechs Jahren Schulzeit begann er die Ausbildung im Familienbetrieb. Anders als in Deutschland gibt es in Afghanistan traditionelle Lehrlingsausbildungen, die in Familienbetrieben stattfinden. Der Großteil der beruflichen Qualifizierung erfolgt durch Zuschauen und Mitwirken. Nach sieben Jahren der Ausbildung legte Herr Y eine informelle Prüfung bei seinem Vater ab, in der er sein Wissen und Fachkompetenz unter Beweis stellte. Formelle Zeugnisse oder Zertifikate gab es dafür nicht. Weitere sieben Jahre war Herr Y. als Selbstständiger Goldschmied tätig und leitete gemeinsam mit seinem Vater das große Familiengeschäft.
Aufgrund des Krieges und der schlechten wirtschaftlichen Situation verließ Herr Y. 2017 mit seiner Frau die Heimat. Nach Aufenthalten in der Türkei und in Griechenland kam die Familie 2022 nach Deutschland. Dieser Neuanfang war nicht einfach. Für Herrn Y. bedeutete dies vor allem, Deutschkurse zu besuchen, eine neue Sprache zu erlernen und eine neue Kultur kennen zu erlernen. Für jemanden, dessen sechsjährige Schulzeit bereits 30 Jahre zurücklag, war dies eine große Herausforderung. Heute verfügt Herr Y. über mündliche Sprachkompetenzen auf dem Niveau B1.
Im April 2025, nach einem Deutschkurs, wandte sich Herr Y. auf Empfehlung seiner Lehrerin, an eine NIFA plus Mitarbeiterin bei der Stadt Pforzheim und bat um Hilfe bei der Arbeitssuche. Kein einfaches Unterfangen: denn weder ein Schulzeugnis noch ein Arbeitsnachweis konnten vorgelegt werden. - Anderseits wo, wenn nicht in Pforzheim, einer „Goldstadt“ mit einer jahrhundertelangen Tradition in der Schmuckherstellung, könnte dieses Unterfangen gelingen?
In den Beratungsstunden erzählte Herr Y. mit sehr großer Leidenschaft von seiner Arbeit und zeigte Fotos seiner handgefertigten Schmuckstücke.
Es war sofort klar: Sein größter Traum war, wieder in seinem erlernten Beruf tätig zu werden. Doch ohne Unterstützung wäre der Bewerbungsprozess in Deutschland für ihn allein kaum zu bewältigen gewesen. Daraufhin wurde eine Initiativbewerbung erstellt und an mehrere Unternehmen in Pforzheim verschickt. Von zwei Betrieben erhielt Herr Y. eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.
Heute arbeitet Herr Y. für ein namhaftes Unternehmen in Pforzheim und ist Teil eines Teams von 18 Fachkräften. „Mein Chef ist der beste Mann“, erzählt er. „Ohne Arbeit war ich wie ein kranker Mann. Jetzt bin ich glücklich.“
Die Geschichte von Herr Y. ist Beleg dafür, dass Handwerk wortwörtlich „in den Händen“ steckt und nicht immer Zeugnisse oder Zertifikate benötigt. Dank seiner Ausdauer, seiner positiven Einstellung und dem Glauben an sich selbst, konnte Herr Y. seinen Traum erfüllen und ist jetzt als Goldschmied in Deutschland tätig.
Die Geschichte von Herr Y. zeigt auch, wie wichtig Unternehmen sind, die sich trauen, bei der Auswahl ihres Fachpersonals unkonventionelle Wege zu beschreiten und die bereit sind, die fachlichen Fertigkeiten und Kompetenzen des Bewerbers wichtiger zu erachten, als das Fehlen von formellen Zeugnissen.
Und last but not least: der Erfolg des Herrn Y. wäre ohne die professionelle und nachhaltige Unterstützung seitens der NIFA plus Beraterin so nicht möglich.
Herr H. - "Deutschland ist ein Macherland"
Herr H. kam im Oktober 2021 von Afghanistan nach Deutschland. Nach seiner B1-Prüfung war er zunächst orientierungslos, doch im März 2023 kam er in die NIFA plus-Beratung, wo er die nötige Unterstützung erhielt, um eine Perspektive zu finden.
Anfangs musste er sich vielen Herausforderungen stellen, darunter fehlenden Rückmeldungen von unterschiedlichen Stellen: Jobcenter, Arbeitgeber, Ausländerbehörde, BAMF und Asylstellen. Durch die Betreuung von Frau Reinhardt wurde nachgehakt und dran geblieben und es konnten Fortschritte gemacht werden.
Es war nicht immer einfach für Herrn H., aber durch eigenständiges Engagement und seinen starken Willen konnte er in Pforzheim nicht nur seine Sprachkenntnisse verbessern, sondern auch seinen in Afghanistan erreichten Schulabschluss anerkennen lassen. Nach diesen erreichten Meilensteinen wurde er in der NIFA plus-Beratung durch den Bewerbungsprozess begleitet. Zuvor hatte Herr H. einen Minijob in einem Dönerladen, durch den er seinen Lebensunterhalt mitfinanzieren konnte. In NIFA plus wurde erörtert, wo für ihn eine berufliche Zukunft liegen könnte und er fand eine langfristigere und stabilere Arbeitsstelle.
Herr H. erhielt die Möglichkeit, bei guten Noten und Leistungen nach seiner Einstiegsqualifizierung eine Ausbildung zu absolvieren. Durch sein hohes Engagement erreichte er dieses Ziel und begann im August 2024 eine Ausbildung als Maschinen- und Anlagenführer in der Fachrichtung Metall- und Kunststofftechnik bei Witzemann, einem renommierten Unternehmen in Pforzheim.
Der Leiter des Ausbildungszentrums sagt zu dem Fall von Herrn H: „Für uns als Firma Witzemann wird es auch immer schwerer, motivierte junge Leute zu finden; Stichwort Fachkräftemangel […]. Deswegen investieren wir auch sehr viel Zeit und Geld in die Ausbildung von jungen Menschen. Gerade im Fall von Herr H. hat sich das sehr bewährt. Er ist jetzt seit Ende letzten Jahres bei uns in der Werkstatt, hat sich vom ersten Tag an voll eingebracht, sich super ins Team integriert, war sich für nichts zu schade und hat auch schon ein Fingerspitzengefühl für Technik entwickelt. So wird er jeden Tag besser, verfeinert sein Können und hat noch sehr viel Potenzial.“
Auch ein Zimmer in einer WG konnte durch die Unterstützung der NIFA plus-Beraterin gefunden werden. Von da an suchte Herr H. selbstständig nach einer besseren Unterkunft und zog nach eineinhalbjähriger Suche vor Kurzem in eine eigene Wohnung ein.
Zwar wurde sein Asylantrag anfangs abgelehnt, jedoch erhielt er ein Bleiberecht nach §25b Abs 3. Inzwischen erfüllt er alle Voraussetzungen für eine Niederlassungserlaubnis und strebt eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis an.
Als nächsten Schritt möchte Herr H. seine Ausbildung mit Bravour beenden und sich weiterhin fortbilden. Er hat großes Interesse an Politikwissenschaften und könnte sich vorstellen, sich auch in diese Richtung weiterzuentwickeln. Herr H. ist optimistisch und tatkräftig. Um es in seinen Worten zu sagen: „Alles kein Problem. Deutschland ist ein Macherland.“

